Mit der internationalen NGO Blue Ventures haben wir eine starke und erfahrene Partnerin gefunden, um unsere Arbeit in Sansibar auf ein neues Fundament zu stellen. Gemeinsam verfolgen wir einen Ansatz, der Naturschutz und die Lebensrealität der Küstengemeinden konsequent miteinander verbindet. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass sich gesunde Meeresökosysteme nur dann langfristig erhalten lassen, wenn die Menschen vor Ort aktiv in deren Schutz und Nutzung eingebunden sind – und konkret davon profitieren.
Das Projekt „Community-Based Fisheries Management“ (CBFM), das wir ab 2026 über drei Jahre hinweg in fünf Gemeinden an der Ostküste Sansibars umsetzen, setzt genau hier an. Ziel ist es, die Gemeinden zu befähigen, ihre eigenen Küstengewässer nachhaltig zu bewirtschaften, Fischbestände wieder aufzubauen und gleichzeitig ihre wirtschaftliche und soziale Resilienz zu stärken.
Unser Ansatz beginnt bei den Menschen: Fischerinnen und Fischer, Händlerinnen, Verarbeiter und ihre Familien stehen im Mittelpunkt aller Massnahmen. Gemeinsam mit ihnen bauen wir lokale Fischereikomitees auf, die als demokratisch legitimierte Gremien die Verantwortung für das Management der Meeresressourcen übernehmen. Diese Komitees arbeiten eng mit staatlichen Stellen zusammen, sodass lokale Regeln nicht nur akzeptiert, sondern auch offiziell anerkannt und langfristig durchsetzbar werden.

Ein wichtiger erster Schritt ist das gemeinsame Verständnis der aktuellen Situation. Deshalb führen wir zusammen mit den Gemeinden umfassende Bestandsaufnahmen durch: Wo wird gefischt? Welche Arten werden gefangen? Wie entwickeln sich die Fangmengen? Wer ist an der Wertschöpfung beteiligt? Diese Daten werden nicht „von aussen“ erhoben, sondern gemeinsam mit den Nutzerinnen und Nutzern der Ressourcen erarbeitet. So entsteht ein lokales Wissen, das die Grundlage für fundierte Entscheidungen bildet und gleichzeitig das Bewusstsein für die Veränderungen im Ökosystem stärkt.

Darauf aufbauend begleiten wir die Gemeinden in einem schrittweisen Prozess, nachhaltige Nutzungsregeln zu entwickeln und umzusetzen. Dazu gehören beispielsweise zeitlich begrenzte Schutzzonen (sogenannte „temporary closures“), Fangbeschränkungen oder der Schutz besonders sensibler Lebensräume wie Korallenriffe und Seegraswiesen. Entscheidend ist, dass diese Regeln von den Gemeinden selbst erarbeitet, getragen und kontrolliert werden. Nur so können sie langfristig wirksam sein.
Ein zentrales Element des Projekts ist dabei das Prinzip des „Lernens durch Handeln“. Gemeinden testen Massnahmen zunächst in kleinem Rahmen, beobachten deren Wirkung und passen sie anschliessend an. Dieser iterative Ansatz ermöglicht es, lokale Lösungen zu entwickeln, die sowohl ökologisch sinnvoll als auch sozial akzeptiert sind. Gleichzeitig stärken diese Prozesse die Fähigkeit der Gemeinden, eigenständig Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
Neben dem eigentlichen Fischereimanagement verfolgt das Projekt weitere eng damit verknüpfte Ziele. Dazu gehört die Verbesserung der Ernährungssicherheit: Fisch ist eine zentrale Proteinquelle für viele Haushalte, und ein nachhaltiges Management trägt dazu bei, diese langfristig zu sichern. Ebenso wichtig ist die wirtschaftliche Stabilität der Haushalte. Durch ergänzende Massnahmen wie Finanzbildungsangebote oder Spar- und Kreditgruppen werden Fischerfamilien dabei unterstützt, ihre Einkommen besser zu verwalten und Risiken abzufedern.
Langfristig geht es darum, dass die Gemeinden nicht nur ihre Ressourcen besser schützen, sondern auch ihre Rechte stärken. Ein klar definiertes Mitspracherecht bei der Nutzung ihrer Küstengewässer ist entscheidend, um externe Übernutzung zu verhindern und lokale Interessen zu sichern. In späteren Projektphasen sollen die Fischereikomitees daher offiziell anerkannte Managementstrukturen werden, die ihre Gebiete eigenständig verwalten und sich mit anderen Gemeinden entlang der Küste vernetzen.
Unsere Vision ist es, dass aus den fünf Projektgemeinden starke, selbstorganisierte Akteure entstehen, die zeigen, wie nachhaltige Fischerei und Meeresschutz in der Praxis funktionieren können. Diese Erfahrungen sollen nicht isoliert bleiben, sondern als Modell für weitere Regionen dienen – in Sansibar und darüber hinaus.
Durch die Partnerschaft mit Blue Ventures profitieren wir dabei von langjähriger internationaler Erfahrung, erprobten Methoden und flexibler Unterstützung. Gleichzeitig bleibt der Kern unserer Arbeit lokal verankert: Die Lösungen entstehen in den Gemeinden selbst. So schaffen wir die Grundlage dafür, dass sich Korallenriffe erholen, Fischbestände zurückkehren und die Menschen vor Ort eine sichere und nachhaltige Zukunft aus dem Meer gestalten können.
Das Ziel, mit der Bevölkerung und den Behörden eine nachhaltige Befischung der Küstengewässer zu erreichen, ist für marinecultures.org nicht neu. Wir haben bereits einiges erreicht:
Mit der Einrichtung von temporären Schonzeiten lässt sich die lokale Tintenfischpopulation schützen. Schonzeiten führen schon im ersten Jahr zu deutlich erhöhten Fangraten.
Über 65% der Riffe des Indischen Ozeans sind infolge starker wirtschaftlicher Nutzung bedroht. Die grösste Bedrohung stellt dabei die Überfischung dar. Mit dem Projekt «Oktopus-Management» wollten wir die Bevölkerung der Ostküste Zanzibars gemeinsam mit der englischen NGO Blue Ventures davon überzeugen, dass aktiver Schutz und ein verantwortungsvolles Management der natürlichen Ressourcen wirtschaftlich erfolgreicher sind als eine Übernutzung. Am schnellsten kann der ökonomische Nutzen eines nachhaltigen Ressourcenschutzes anhand von Oktopus-Management aufgezeigt werden, da damit schon im ersten Jahr die Fangerträge beinahe verdoppelt werden können.

Lösungsansatz
In Fischereiregionen von Entwicklungsländern sind Durchsetzungsvermögen und Finanzlage der Regierungen meistens zu schwach, um Schutzprojekte erfolgreich «top-down» umsetzen zu können (Purcell 2010). Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, einen «bottom-up-Ansatz» anzuwenden und gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung ein Schutzprogramm aufzubauen.
Programm
Mit jährlich zwei temporären Schonzeiten wollten wir die lokale Tintenfischpopulation langfristig schützen sowie gleichzeitig die Nachhaltigkeit der Oktopus-Fischerei fördern und die Fangraten steigern. Die erste Schonzeit ist in der Phase, in der die Tintenfische alle zwei Monate ihr Gewicht verdoppeln. Wir haben bei unserer Partnerorganisation Blue Ventures in Madagaskar gelernt, was es für ein erfolgreiches Oktopus-Management braucht. Auch unser Partner Mwambao hat auf der Nachbarinsel Pemba bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt. Wir waren uns bewusst, dass wir die erwähnten Modelle beim Aufbau eines ähnlichen Projekts auf Zanzibar nicht 1:1 kopieren können, sondern den speziellen Kontext berücksichtigen müssen.
Wir haben uns für die Einrichtung von No-Fishing-Zonen in der Lagune eingesetzt, um den Meerestieren zu ermöglichen, sich zu reproduzieren. Denn die Erfahrung in existierenden Schutzgebieten zeigt, dass sich die Bestände so erholen und die Erträge steigen.
In den Philippinen und vielen anderen Orten auf der Welt konnten Fischer mit Schutzgebieten ihre Fangraten verdoppeln. Auch auf Zanzibar macht die Fischerei einen grossen Anteil an der Subsistenzwirtschaft aus und ist seit einiger Zeit mit rapide sinkenden Fangquoten konfrontiert. Die Fischer verfügen zudem nicht über Boote, die für das offenen Meer geeignet sind. Die Fisch- und Muschelbestände in der Lagune sind daher einem zu hohen Druck ausgesetzt. Einige Fischer werden jetzt wach und sind zugänglicher für unsere Ideen. Die Bereitschaft, etwas zu ändern, steigt. Und das wollen wir aktiv fördern und damit den lokal getriebenen Meeresschutz katalysieren.

Hintergrund
2012 beschlagnahmte die Regierung bei den Fischern von Jambiani/Paje diverse Netze mit zu kleinen Maschengrössen und verhaftete sogar ein paar Fischer. Der Aufruhr im Dorf war gross. Einige der Fischer realisierten aber, dass es nicht wie bis anhin weitergehen kann und begannen über mögliche Veränderungen zu diskutieren. Wir waren bei einem dieser Gespräche zugegen und brachten die Idee einer «No-Fishing-Zone» auf. Diese bestünde darin, die Hälfte der Lagune für den Fischfang zu sperren und den Fischen und anderen Tieren zu ermöglichen, sich zu reproduzieren. Erfahrungen aus bereits existierenden No-Fishing-Zonen zeigen, dass durch diese Massnahmen die Erträge in der anderen Hälfte der Lagune steigen.
Unser Input hat scheinbar Früchte getragen: Mitte 2013 kamen Fischer mit der Bitte auf uns zu, sie beim Einrichten einer «No-Take-Zone» zu unterstützen. Dank der langjährigen Bemühungen seitens marinecultures.org ist die Botschaft angekommen.
Aktion
Wir unterstützen die Eigeninitiative der Fischer nur zu gern und stehen ihnen mit Rat, Tat und finanzieller Unterstützung zur Seite. Nach langwierigen Debatten wurde 2013 ein erstes Pilot-Schutzgebiet mit sieben einfachen Bojen markiert. Die «No-Take-Zone» war zwar nicht gross, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Bereits nach wenigen Wochen hatte es deutlich mehr Fische in der Schutzzone. Leider waren aber alle Markierungsbojen nach einem Jahr wieder weg und die Fischer hatten Mühe, die Schutzzone bei ihren Kollegen durchzusetzen. Aber sie haben die Probleme erkannt und wollen es nun besser machen.
Im Zuge des Projekts Künstliche Riffe bauen haben wir 2014 mit den Fischereikomitee von Kibigija und der lokalen NGO Mwambao im Norden von Jambiani eine weitere kleine «No-Take-Zone» eingerichtet. Problem ist hier, dass die Fischer von Kibigija gegenüber den Netz-Fischern, die Aussenbootmotoren besitzen, zu langsam sind, um sie im richtigen Moment wegweisen zu können.
2015 konnten wir coralreefcare.com als Partner für die Einrichtung und das Management von Schutzzonen sowie die entscheidend wichtigen flankierenden Massnahmen gewinnen. Nötig sind:
- Die Respektierung durch alle Fischer. Sie müssen den Zweck und auch den ökonomischen Nutzen erkennen.
- Ein professionelles Design der «No-Take-Zonen» (Grösse, Abstände, Gestaltung, Markierung).
- Ein lokales Komitee, das befähigt ist, ein gutes langfristiges Reservats-Management zu garantieren.
Wo immer es Sinn macht, sind wir den Empfehlungen der MPA/No-Take-Zone Anleitung des Reef Resilience Coral Reef Moduls ‚Resilient MPA Design‘ gefolgt.
Mit unseren Aktivitäten und spezifischen Awareness-Programmen haben wir das Bewusstsein der lokalen Bevölkerung und der Behörden für die Bedeutung einer nachhaltigen Fischerei im Indischen Ozean erhöht.




