Im Laufe des Jahres zieht unser Korallenrestaurierungsteam rund 10’000 Korallenfragmente in unserer Unterwasser-Nursery auf. Diese besteht aus 40 Korallentischen, die in der Lagune von Jambiani in einer Tiefe von rund fünf Metern installiert sind. Auf den Tischen befestigen wir geeignete Korallenfragmente, pflegen sie regelmässig und reinigen die Strukturen sorgfältig, um den Bewuchs durch Algen und andere Organismen zu kontrollieren. Dadurch schaffen wir möglichst gute Bedingungen für das Wachstum und die Entwicklung der jungen Korallen.
Während ihrer Aufzucht kontrolliert unser Team regelmässig den Zustand und das Wachstum der Fragmente. Sobald diese eine ausreichende Grösse erreicht haben und stabil genug sind, um den Bedingungen am natürlichen Riff standzuhalten, werden sie an ausgewählten Riffstandorten ausgepflanzt. Diese Methode wird als Coral Gardening bezeichnet. Sie ermöglicht es uns, Korallenfragmente unter kontrollierten Bedingungen aufzuziehen und anschliessend zur Wiederherstellung geschädigter Riffbereiche einzusetzen. Bislang hat unser Team im Jahr 2026 bereits mehr als 8’000 Korallen erfolgreich ausgepflanzt.

Vorbereitung unserer Nursery auf El Niño
Angesichts der aktuellen Prognosen, die auf ein mögliches starkes El Niño Ereignis hindeuten, treffen wir vorsorglich Massnahmen, um einen möglichst grossen Teil unseres Korallenbestands zu schützen. Eine besondere Herausforderung stellt dabei der Standort unserer bisherigen Nursery dar. Mit einer Tiefe von rund fünf Metern befindet sie sich in einem relativ flachen Meeresbereich. Korallen in solchen Tiefen können während mariner Hitzewellen besonders hohen Wassertemperaturen und einer intensiven Sonneneinstrahlung ausgesetzt sein.
Während eines El Niño Ereignisses können Veränderungen der ozeanischen Zirkulation und der atmosphärischen Bedingungen zu überdurchschnittlich hohen Meerestemperaturen über längere Zeiträume führen. Überschreiten die Wassertemperaturen die physiologische Toleranz der Korallen, kann es zu einer sogenannten Korallenbleiche kommen. Dabei verlieren die Korallen ihre symbiotischen Algen, die sogenannten Zooxanthellen, oder deren Pigmente. Diese einzelligen Algen leben im Gewebe der Korallen und versorgen sie durch Photosynthese mit einem wesentlichen Teil ihrer Energie. Gleichzeitig sind sie für einen Grossteil ihrer charakteristischen Färbung verantwortlich. Bei anhaltendem Hitzestress kann die Bleiche zu einer erheblichen Schwächung der Korallen und schliesslich zu ihrer Absterblichkeit führen.
Anstatt abzuwarten, bis sich der Hitzestress auf unsere Nursery auswirkt, haben wir uns für vorbeugende Massnahmen entschieden. Wir leeren deshalb unsere bestehenden Korallentische und pflanzen die aufgezogenen Fragmente direkt in tiefer gelegene Riffbereiche aus. Dabei zielen wir auf Wassertiefen von ungefähr 10 bis 15 Metern ab.
Unsere Überlegung basiert darauf, dass grössere Wassertiefen während ausgeprägter Hitzeperioden unter bestimmten lokalen Bedingungen ein günstigeres Temperatur- und Lichtregime bieten können. In tieferen Riffbereichen können die maximalen Wassertemperaturen und die Intensität der Sonneneinstrahlung geringer ausfallen als in flacheren Bereichen. Durch die Verlagerung unserer Korallen hoffen wir daher, ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem erwarteten Hitzestress zu erhöhen und ihre Überlebenschancen zu verbessern.
Diese Massnahme ist eine vorsorgliche Anpassungsstrategie und keine Garantie für das Überleben der Korallen. Auch tiefere Riffbereiche können von marinen Hitzewellen betroffen sein. Die tatsächliche Schutzwirkung hängt unter anderem von den lokalen Strömungsverhältnissen, der Wassertemperatur, der Lichtverfügbarkeit und den artspezifischen Eigenschaften der Korallen ab.
Verlagerung der Nursery und Sicherung zukünftiger Mutterkorallen
Zusätzlich planen wir, einen Teil unserer Korallentische an tiefer gelegene Standorte zu verlegen. Dadurch möchten wir unsere Arbeit mit sogenannten Corals of Opportunity (COOs) fortsetzen und gleichzeitig deren Exposition gegenüber den möglicherweise extremen Bedingungen in flacheren Gewässern reduzieren.
Als Corals of Opportunity bezeichnen wir natürlich abgebrochene Korallenfragmente, die lose auf dem Riff liegen und beispielsweise durch Wellengang, Stürme oder andere physische Störungen vom ursprünglichen Korallenstock getrennt wurden. Werden diese Fragmente nicht befestigt, können sie durch weitere Bewegung beschädigt, von Sediment bedeckt oder vollständig verschüttet werden. Durch das gezielte Sammeln und Befestigen geeigneter Fragmente auf unseren Nursery-Tischen schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass sie sich stabilisieren, anwachsen und weiterentwickeln können.
Unser Ziel ist es, nicht nur möglichst viele dieser Korallen während des kommenden El Niño Ereignisses zu erhalten, sondern auch einen gesunden Bestand an zukünftigen Mutterkorallen aufzubauen.

Was sind Mutterkorallen?
Mutterkorallen, im Englischen donor corals genannt, sind gesunde und etablierte Korallenkolonien, die als Quelle für die Gewinnung weiterer Korallenfragmente dienen. Sobald eine Koralle ausreichend gewachsen und gesund ist, können geeignete Fragmente entnommen und erneut in der Nursery aufgezogen werden. Diese können später wiederum auf dem Riff ausgepflanzt werden und neue Korallenkolonien bilden.
Mutterkorallen sind damit ein wichtiger Bestandteil eines langfristig angelegten Restaurationsansatzes. Sie ermöglichen es, einen eigenen Bestand an Ausgangsmaterial aufzubauen und die Produktion neuer Korallen schrittweise zu steigern. Dadurch kann die Abhängigkeit von der Entnahme neuer Fragmente aus natürlichen Korallenbeständen reduziert werden.
Mit der Verlagerung eines Teils unserer Nursery-Infrastruktur in tiefere Gewässer möchten wir deshalb nicht nur bestehende Korallenbestände schützen, sondern auch die Grundlage für die zukünftige Korallenproduktion sichern.

Wir werden weiter berichten
Die geplanten Massnahmen stellen eine wichtige Anpassung unserer Restaurationsarbeit an die sich verändernden Umweltbedingungen dar. Unsere unmittelbare Priorität ist es, möglichst viele Korallen zu erhalten und gleichzeitig unsere Kapazitäten für die weitere Riffrestaurierung aufrechtzuerhalten.
In den kommenden Monaten werden wir den Zustand und die Entwicklung der ausgepflanzten Korallen sowie der verlagerten Nursery-Strukturen beobachten. Nach dem erwarteten El Niño Ereignis, voraussichtlich im April oder Mai, werden wir über die Ergebnisse und die Überlebensraten berichten.
Wir hoffen, mit diesen vorsorglichen Massnahmen einen möglichst grossen Teil unseres wertvollen Korallenbestands zu sichern und unsere Arbeit zur Wiederherstellung der Riffe von Jambiani auch unter zunehmend herausfordernden klimatischen Bedingungen fortsetzen zu können.
